Hockender Mann

Bronze

Leseprobe Sinnoser Tod auf Föhr - in Arbeit

Der Hof von Wilhelm Sörensen lag keine achthundert Meter von der Westküste der Insel entfernt. Ein kleiner naturbelassener Weg führte über eine Brücke hinunter zum Strand. Am Ende des Weges stand ein großes Schild, das Unbefugten den Zutritt zu diesem Strandabschnitt unter Verbot stellte. Aber heute lehnten ein rotes Damenfahrrad und ein blaues Rennrad dagegen. Wilhelm hatte sie gegen Mittag bemerkt, als er zum Strand gegangen war, um die Wasserproben zu entnehmen, die er monatlich an das Amt für Umweltschutz weiterleitete. Zu dieser Zeit frischte der Wind auf und vertrieb den dichten Nebel. Den ganzen Morgen und Vormittag hatte er die Landschaft in ein stilles, dumpfes, taubes Weiß getaucht. Von der Nordsee her kommend hatte er die Straßenlaternen ausradiert und sich um jeden Grashalm geschlungen, dick und undurchsichtig. Als die Sicht wieder frei war, standen die Räder schon da. So schnell entging Wilhelm normalerweise nichts, was im Dorf geschah. Aber seit wann sie dort standen, er wusste es nicht und das ärgerte ihn. 

 

Der Küstenstreifen vor Witsum gehörte ausschließlich den Seevögeln, die hier ihre Eier ablegten und ihre Brut aufzogen. Tausende Vögel, denen man diesen Platz zubilligte. Das bestehende Nahrungsangebot, gegeben durch Ebbe und Flut, bot ihnen ideale Bedingungen. Die Vögel hatten sich ohne eigene Lobby durchgesetzt gegen Badegäste und Strandkörbe, nur durch ihre hartnäckige Präsenz.

Es hatte kaum Tage in seinem Leben gegeben, an denen Wilhelm nicht mindestens einmal an den Strand gegangen war, um nach ihnen zu sehen. Er fühlte sich zuständig. Immer wieder vertrieb er Touristen, die sich nicht an das Verbot hielten, um spektakuläre Fotos auf Kosten der Tiere zu erhalten. Da kannten sie Wilhelm nicht, der als selbst ernannter Sheriff für Ordnung sorgte. Sein neues Fernglas lag jederzeit griffbereit auf der Fensterbank in seinem Wohnzimmer. Die Gardine zog er nie vor.

Die Räder beunruhigten ihn. Immer wieder sah er hin, sah sie hartnäckig an seinem Schild lehnen. Nachdem die Arbeiten in den Stallungen erledigt waren, lief Wilhelm hinunter zum Strand, um nach den Besitzern Ausschau zu halten. Die Vögel, die zu dieser Jahreszeit auf ihren Eiern saßen und brüteten, reagierten normalerweise auf jeden Fremden lautstark. Nichts dergleichen war seit Stunden geschehen. Alles schien normal. Er entschied sich, zunächst den linken Strandabschnitt abzusuchen, der ein natürliches Ende an der Godel fand, dem kleinen Fluss der Insel. Nach knappen fünfhundert Metern mündete sie in die Nordsee und es war nicht möglich, sie an dieser Stelle zu überqueren. Aufgeregte Seeschwalben flogen riskante Angriffe gegen Wilhelm. Sie verfehlten seinen Kopf nur um wenige Zentimeter. Strandläufer liefen aufgeregt neben ihm her, bedacht darauf Abstand zu wahren und Kiebitze erhoben sich in den Himmel, um sein Eindringen in ihr Revier zu melden.

  Wilhelm achtete aufmerksam auf jeden Schritt. Die Eier glichen in der Farbe, oft nur in einer kleinen Sandmulde abgelegt, täuschend echt dem Untergrund. Die Vögel zu stören widerstrebte ihm. Seine Suche blieb ohne Erfolg. So entschied er sich schweren Herzens dazu, die rechte Strandseite ebenfalls abzusuchen, die zur Wasserkante hin mindestens zwei Meter abfiel. Es gab keinen Deich an diesem Küstenstreifen, der die Nordsee in ihre Schranken gewiesen hätte. Und so riss sie im Frühjahr und jeden Herbst tiefere Mulden und Einbuchtungen ins Landesinnere, angefeuert und aufgepeitscht durch wütende Stürme. Die tiefen Mulden gewährten einzig von der Strandseite her Einblick.